60 Jahre Ordensleben als Kapuziner
Priester werden ist nicht schwer, dachte sich der kleine Rainer. Ein Aspergill und ein Messbuch – mehr braucht man nicht. Als der Bub seiner Mutter von seinem Berufswunsch erzählte, antwortete diese: „Das musst du dir aus dem Kopf schlagen, wir haben nicht das Geld, dich zum Studieren zu schicken.“ Ein Priester – besser gesagt ein Kapuzinerpater – ist Rainer M. Seidel trotzdem geworden. Am Dienstag, 7. September, feiert er das 60-jährige Jubiläum seines Noviziats. An diesem Tag blickt auch Pater Johannes Goth auf 60 Jahre Ordensleben als Kapuziner zurück.
Seit fast zwei Jahrzehnten wirken die beiden Ordensmänner an der Wallfahrtskirche Käppele. „Es ist eine Ehre, an diesem wunderschönen, berühmten Wallfahrtsort noch Dienst tun zu dürfen und den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten zu helfen“, sagt der 87-jährige Pater Johannes. Auch Pater Rainer schätzt sich in der glücklichen Lage, hier arbeiten zu können. „Ich bin dankbar dafür, dass ich das machen darf.“ Fast 100 Brautpaare haben in Pater Johannes jährlich einen verlässlichen Ansprechpartner, wenn es um den Erstkontakt zum Käppele geht. Durch eine schwere Krankheit gehandicapt, arbeitet er als Pförtner des Klosters. Dort bringt er seine seelsorgerliche Erfahrung ein, die er als langjähriger Pfarrer unter anderem in der Diaspora in Coburg und als Guardian in Blieskastel sammeln konnte. Im hohen Alter noch hat Pater Johannes das Kochen erlernt, und seine Mitbrüder freuen sich, wenn er bei Abwesenheit der Köchin in der Küche steht und neue Rezepte ausprobiert.
Pater Rainer, der die Erweiterung des Klosters zu verantworten hat, war schon einmal von 1964 bis 1970 am Käppele tätig. Danach ging er nach Regensburg und nach Altötting. 1991 kehrte er nach Würzburg zurück. Als ein beliebter Pater hält der 85-Jährige Kontakt zu den vielen Menschen, die als Wohltäter mit dem Kloster noch verbunden sind. „Es vergeht kein Tag, an dem Pater Rainer nicht per Telefon oder Brief mehrere Kontakte auffrischt“, berichtet ein Mitbruder. Außerdem führt er das Intentionenbuch und flüstert den anderen Patres jeweils vor der Messe zu, wem oder wessen sie gedenken sollen.
„Es ist eine Ehre, an diesem wunderschönen, berühmten Wallfahrtsort noch Dienst tun zu dürfen.“Johannes Goth (87) Pater am Käppele
Die beiden Patres kennen sich schon seit ihrer Seminarzeit. Wenn man sich mit ihnen unterhält, stellt man fest, dass sie ihren Sinn für Humor und Schabernack nicht verloren haben. Sie haben großen Spaß daran, sich gegenseitig anzustacheln. Es folgt eine Anekdote auf die andere. „Als ich 1938 ins Seminar kam, war Johannes schon da in der vierten Klasse“, erzählt Pater Rainer und schiebt schmunzelnd gleich nach. „Ich hatte viel Angst vor ihm gehabt, weil er die rechte Hand vom Präfekt war.“ Sein Gegenüber mahnt ihn lächelnd, doch nicht zu übertreiben.
Dass Pater Rainer überhaupt ins Seminar gehen konnte, verdankte er einer Nachbarin in seinem Geburtsort Hasselbach im Bayerischen Wald. Deren Bruder wanderte mit 18 Jahren nach Amerika aus – der besseren Arbeitsmöglichkeiten wegen. Dann wurde er ein Kapuzinerpater. Sein 25-jähriges Priesterjubiläum feierte er in der alten Heimat. „Ich hatte ihn kennengelernt, schließlich war er quasi mein Nachbar. Von nun an wollte ich auch ein Kapuziner werden.“ Weil seine Eltern aber das nötige Geld nicht hatten, übernahm die Nachbarin die Seminarkosten.
Auch Pater Johannes wollte schon immer Priester werden. „Ich bin in Eichstätt geboren, dort war in meiner Jugend das Studienkloster der Kapuziner. Wir hatten den gleichen Schulweg gehabt, so hatte ich den Orden kennengelernt.“ Und als er einmal einen Bericht über die Mission in Chile gelesen hatte, hatte er den starken Wunsch, auch ein Indianer-Missionar zu werden. Als Vorbereitung für seine möglichen, zukünftigen Aufgaben verschlang er vor allem jedes Karl-May-Buch, das ihm in die Hände fiel. Der Zweite Weltkrieg machte zunächst einen Strich durch die Pläne der beiden jungen Männer. Sie wurden einberufen, gerieten in russische Gefangenschaft und kamen erst drei beziehungsweise vier Jahre nach Kriegsende in die Heimat zurück.
Nach der Priesterweihe vor 55 Jahren gingen Pater Johannes und Pater Rainer getrennte Wege. Anfang der 1990er Jahre durchkreuzten sich ihre Wege erneut: Ein Jahr nach Ankunft von Pater Rainer in Würzburg holte er seinen Mitbruder Johannes von Blieskastel mit dem Auto ins hiesige Kloster ab. An die Fahrt kann sich Pater Johannes noch genau erinnern. „Ich dachte, er wollte mich umbringen – so schnell war er gefahren“, sagt er lachend. Jetzt sind sie quitt.
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